Das freie Spiel

Gedanken und Anregungen zum freien Spiel

  • Die Freiheit des einen hört dort auf wo die Grenze des Anderen beginnt
  • Das Spielen ist das Arbeiten der Kinder
  • Im freien ungesteuerten Spiel erlernen die Kinder elementare Dinge wie z.B. die Schwerkraft. Wer erinnert sich noch an das Lieblingsspiel seines Kindes, Dinge aus dem Hochstuhl fallen zu lassen, damit es der Erwachsene wieder und wieder aufhebt. So wird den Kindern erlebbar: Das ist Schwerkraft. Im befüllen des Bechers in der Badewanne wird erlebt was bedeutet voll.
  • Wenn wir Kindern immer zu helfen und immerzu sagen schau mal mach das doch so, nehmen wir ihnen die Entdeckerfreude und die körperlich erlebbare Welt. Deshalb ist es so sehr wichtig das wir den Kindern genug Zeit zum freien Spielen einplanen.
  • Lernspielzeug ist nicht notwendig, die Kinder spielen mit allen Dingen die sie so zu Hause finden. Am liebsten mit den Dingen mit denen auch die Erwachsenen zu tun haben. Das verändert sich mit zu nehmendem Alter der Kinder. Die Vorschulkinder haben schon genaue Vorstellung wie etwas auszusehen hat und machen sich auch schon Pläne, was sie wann und mit wem spielen. Bei den Kleinen ist es noch so, sie spielen mit dem, was die gerade so sehen. Die ganz Kleinen sind oft noch nicht in der Lage Dinge selbst zu beleben, daher wollen sie immer das Spielzeug, welches ein anderes Kind eben in der Hand hält und somit belebt.
  • Beim Spiel knüpfen sich Nervenverbindungen, der ganze Körper wird erfahren und bewohnt.
  • Spielen ist der Blick eines Kindes, in dessen Augen eine Idee aufblitzt, die es als Wirklichkeit erlebt, noch bevor der Wunsch den kleinsten Muskel bewegt hat. Spiel ist die junge Forelle, die übermütig durch das Wasser schießt und im Rachen eines Raubfischs verschwindet. Spielen ist, wenn ein kleines Kind Wasser in eine leere Klorolle gießt und Bauklötze staunt, weil es unten herausfließt. Spiel ist das schweigsame Ausatmen auf einem Gipfel, auf dem ein Mensch angekommen ist, der nicht die Absicht hatte, ihn zu besteigen.
  • Spiel ist die Pause in einem Schubertquartett – die Musik verklingt und der Flügelschlag des Geistigen hebt an. Spiel ist die Beziehung zwischen einem Kind und jemand oder etwas, der oder das auf irrationale Weise in diesen kleinen Menschen vernarrt ist.
  • Spielen ist die schönste aller ansteckenden Krankheiten. Vielleicht werden wir beim jüngsten Gericht nicht gefragt, was unsere guten und schlechten Taten waren, sondern wo wir überall gespielt haben und wo nicht.
    • Quelle: (Albert Vinzenz, Erziehungskunst Feb 2013)
  • Phantasie braucht als erstes, dass sie nicht gestört wird. Viele Kinder brauchen eine gewisse Zeit, um in das Spiel hineinzukommen. Sie müssen durch Langeweile hindurchgehen, bevor sie anfangen zu spielen. Es gibt aber auch Kinder, die brauchen eine Hilfe­stellung, um ins Spiel zu kommen. Man regt an, indem man beispielsweise sagt: Mache mir doch einmal einen Tee oder Kaffee. Da können die meisten Kinder in das Spiel einsteigen. Weiter bedarf es vor allem der Urteilsenthaltung. Man darf die Phantasie nicht beurteilen, nicht einmal positiv. Das heißt nicht, dass ich nicht sagen kann: Der Tee schmeckt sehr gut. Aber nicht: Das hast du toll gemacht.
  • EK | Warum ist das schlecht, wenn ich sage, das hast du toll gemacht?
  • BW | Das ist insofern nicht richtig, als das Kind wieder dazu gebracht wird, sich nach außen zu orientieren. Es ist eine extrinsische Motivation und nicht eine intrinsische. Lobe ich das Kind, dann handelt es, um zu gefallen. Ein anderer Punkt ist, dass das Spiel ungestört sein soll. Wenn ich im Spiel sage: Denke aber daran, du musst die Murmeln nachher wieder aufräumen, dann kann sich das Spiel gar nicht entfalten. Ich ersticke das Spiel im Keim. Das Kind weiß ja noch gar nicht, was alles mit den Murmeln passieren wird. Das ist der Prozess der Phantasie: Die Murmeln kullern erst einmal die Murmelbahn hinunter, dann kullern sie durch den ganzen Raum, dann findet man ein kleines Loch im Fußboden, wo sie alle versteckt werden. Zu Beginn des phantasievollen Spieles ist nicht klar, wo es endet. Wenn ich am Anfang auf das Aufräumen hinweise, steuere ich schon das Spiel. Es ist ein großer Störfaktor, wenn man sagt: Bringe bitte alles so in Ordnung, wie ich das gerne hätte.
  • Ich habe hunderte Stunden mit Beobachtung zugebracht, um mitzubekommen, wann der Bauklotz, der gerade ein Handy ist, sich in ein Bügelbrett verwandelt. Und ich habe nur beobachten können, man braucht jetzt ein Bügelbrett, also ist es das jetzt. Ich bin nicht dahintergekommen, warum keiner in der Gruppe sagt: Das ist aber kein Bügelbrett, das ist ein Handy. Alle anderen gehen mit in dem Moment, in dem ein Kind sagt, das ist ein Bügelbrett. Und in dem Moment, in dem es sagt, es ist ein Handy, ist es das wieder. Da gibt es keinen Streit. Aber, wie das passiert, da bin ich als Erwachsener gar nicht dahinter gekommen. Das finde ich großartig. Dem liegt ein Geheimnis zugrunde.
  • Anders ist das mit Dingen, die schon fertig sind. Wir hatten im Kindergarten einmal ein Holzbügeleisen. Um dieses Bügeleisen gab es immer Streit. Denn neben ihm konnten die anderen erfundenen Bügel­eisen nicht bestehen. Jeder hat sich an diesem fertigen Modell orientiert. Das ist gar nicht zu vermeiden. Damit erklärt sich auch, warum wir so viel Spielzeug überall in den Kinderzimmern haben. Denn für jede Sache brauche ich ein eigenes Spielzeug. Das ist eine ganz einfache Logik, die dem zugrunde liegt. Ich kann aus einem fertigen Bügeleisen kein Handy machen oder umgekehrt. Das lässt das Bügeleisen einfach nicht zu. Ein Bauklotz schon.
  • | Was bedeutet es für die Zukunft und das Dasein als Erwachsener, wenn Kinder diese Art von Verwandlungskräften haben?
  • BW | Der Mensch erübt sich Fähigkeiten für das ganze Leben. Er lernt, ohne Vorlage mit jeder Situation zurechtzukommen. Durch die Phantasietätigkeit in früher Kindheit habe ich soviel Erfahrung gesammelt, dass ich mit allem umgehen kann. Ich kann mir jederzeit neue Möglichkeiten ausdenken, kann Dinge, die fehlen, durch andere ersetzen. Ich bewege mich und die Dinge.
  • EK | Was ist der Unterschied zwischen Phantasie und Phantastik?
  • BW | Die Phantastik kommt in das Kinderzimmer hinein, weil Erwachsene ihre Phantasie haben spielen lassen. Es ist die gefrorene Phantasie einer ausgedachten Erwachsenenwelt. Damit beschäftigen sich die Kinder. Meine Beobachtung ist die: Die Kinder spielen mit den Phantastiksachen genau das, was dazu gehört. Sie können sich mit ihnen nicht selbstständig verwandeln und sie können die Dinge nicht verwandeln. Das Spiel ist ein erstarrter Prozess. Sie wissen, Spiderman hat diese und jene Rolle oder Funktion. Sie können Spiderman nicht in neue Situationen versetzen. Wenn sie stolpern, können sie nicht fragen, was würde Spiderman machen. Das funktioniert nicht, da Spiderman niemals stolpert. Sie lösen also keine Situationen ihres eigenen Lebens mit Spiderman oder Anna und Elsa, Bibi und Tina und wie sie alle heißen. Das heißt weiter, sie spielen jeden Tag dasselbe, da sie die Rollen nachspielen und in diesen nur die festgelegte Rollenvarianz enthalten ist. Es kann nichts Neues entstehen und es kann auch nicht fünf Prinzen geben. Falls der Versuch gemacht wird, dann wird sofort die Korrektur der Wissenden als eine Art Spielzensur ausgeübt. Haben die Kinder hingegen nicht diese Rollenvorstellung, dann können auch fünf Kapitäne im Schiff sein, die alle in eine andere Richtung schauen und alle nach Afrika fahren und dort auch ankommen.
  • Und natürlich haben die Themen, die diese Phantastikfiguren repräsentieren, nichts mit der Kinderseele zu tun. Es sind Probleme von Zehnjährigen oder Pubertierenden. Dadurch kommen zu früh Gefühlsqualitäten in das Kind, die es noch gar nicht aus sich heraus gestalten kann.
  • Wenn große Geschwister da sind, ist das natürlich nicht zu vermeiden, dass die Kleinen Dinge übernehmen, die eigentlich nicht für sie bestimmt sind. Ich hatte einmal einen Jungen in der Gruppe, der als Jedi-Ritter in den Kindergarten kam. Er wusste allerdings nicht, was ein Jedi-Ritter ist. Er hat nicht gewusst, was das Kostüm soll. Ein echter Jedi-Ritter kann nicht im Puppenhaus sitzen und Essen kochen. Es kommt also immer darauf an, inwieweit die Rollen als solche festgelegt sind. Damit können Eltern dann sensibel umgehen. Nicht nur verbieten und vermeiden, sondern darauf achten, dass der Spielraum und der Freiraum erhalten bleiben.
  • EK | Wo liegt der Unterschied zwischen den Märchenhelden und den Phantasy-Feen Anna und Elsa, zwischen einer Dreikönigsfigur und einem Jedi-Ritter?
  • BW | Bei dem Märchen ist die Frage einfach zu beantworten. Erzähle ich ein Märchen, so macht sich jeder sein eigenes Bild von der Prinzessin oder der Hexe. Auch im Krippenspiel greifen wir auf Urbilder zurück und doch sollten diese Urbilder so offen sein, dass die Kinder da hineinschlüpfen können. Verwandle ich mit Gesten und sprechend eine Puppe aus dem Puppenhaus in das Jesuskind in der Krippe, so ist das etwas anderes, als wenn ich es einfach »umfunktioniere«. Man muss darauf achten, dass das, was man da gestaltet auch so ist, dass die Kinderseele darin leben kann.
  • Ein weiterer Unterschied ist, dass das Kind immer das sein kann, was seinem Seelenzustand entspricht. Im Krippenspiel eben einmal ein Schäfchen, dann ein Esel oder Maria oder Joseph. Es gibt Kinder, die wollen nie Maria sein. Das muss man respektieren, da dies aus einem ganz tiefem inneren Wissen heraus geäußert wird.
  • EK | Was hat es zur Folge, dass Phantasiegestalten überall auftauchen – auf Brotdosen, dem Zahnputz­becher, der Tapete?
  • BW | Dahinter steckt natürlich als erstes die Industrie, die damit Geld verdienen will und vor allem auch einen Kundenstamm heranziehen möchte. Das ist die eine Seite. Und als Folge tritt zu Tage, dass die Sache nicht mehr als Sache betrachtet wird. Es genügt nicht, einfach einen Waschlappen zu haben. Die Sache an sich wird nicht mehr geschätzt, man dringt nicht mehr durch zu dem Wesen eines Dinges. Dadurch wird der Gegenstand auch abgewertet. Und was weiter hinzukommt ist, dass der schöne Lilifee-Waschlappen auch Streit produziert. Man möchte nur diesen einen Waschlappen haben. Alle anderen sind nichts wert.
  • Das ist anders, wenn im Kindergarten sich die Kinder um eine Schaufel streiten. Wir haben zwanzig Schaufeln, aber wochenlang ist die eine blaue Schaufel, die einen etwas anderen Griff hat, die Schaufel, mit der alle nur schaufeln können. Die Qualität dieser Schaufel allerdings ist eine von den Kindern selbst zugesprochene. Sie sind Mitgestalter, denn sie entscheiden, dass das nun die schönste, beste Schaufel ist. Bei dem Lilifee-Waschlappen ist das nicht so. Hier wird von außen vorgegeben, was richtig und schön zu sein hat.
  • EK | Nehmen Sie wahr, dass die Phantasiekräfte sich verändern?
  • BW | Viele Kinder sind nach wie vor in der Lage, aus dem Nichts heraus zu spielen. Sie können aus Stroh Gold spinnen. Es ist natürlich viel schwieriger, Räume zu schaffen, wo das möglich ist. Denn die Kinderzimmer sind voll mit den gut gemeinten fertigen Sachen. Es gibt inzwischen mehr Kinder, die die Nähe des Erwachsenen suchen oder die Tätigkeiten mitmachen, die dieser ausführt. Sie helfen viel mehr als früher, sei es in der Küche oder auch im Garten.
  • Ich muss dann auch mehr Anregungen geben, dass ein Kind anfängt zu spielen. Eigentlich will ich gar keine Anregungen geben, sondern ich möchte es durch meine Tätigkeit so beleben, dass es von selbst loslegt. Dieser Prozess dauert heute länger als früher. Doch ist dieser Prozess einmal in Gang gekommen, dann spielen die Kinder – wenn man sie nicht stört.
  • EK | Wie rege ich die Kinder an, ins Spiel zu kommen?
  • BW | Platz schaffen im Kinderzimmer, Platz schaffen im Wohnzimmer und auch Platz schaffen in der Küche. Und dann: dass unsere Ordnung störende Spiele zulässt. Wenn das nicht ausreicht, kann ich die Kinder zum Spielen anregen, indem ich ihnen einfache Dinge gebe, aus denen sie Sachen gestalten können.
    • Quelle: (Auszüge aus einem Interview mit Beate Wohlgemut und Ariane Eichenberg Erziehungskunst frühe Kindheit Feb 2018)
  • Raphael ist verschwunden. Ich rufe. Keine Antwort. Stille. Wo ist er? Ich mache mich auf die Suche. In seinem Zimmer, im Haus, im Keller, auf der Straße … Leichte Panik. Raphael ist weg. Und tatsächlich: Als ich Raphael hinter dem Schrank finde, ist er nicht da, sondern wie in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit. Der Zweijährige spielt, selbstvergessen und intensiv. Die Backen glühen, die Zungenspitze aus dem halboffenen Mund. Er hat das Nähkästchen entdeckt. Um ihn herum Scheren, Nadeln, Garnrollen, Knöpfe … Seine Fingerchen bemühen sich unablässig, einen Faden durch die Nadel zu bekommen. – Soll ich ihn stören, korrigieren, helfen und damit herausreißen aus seinem Spiel? Ich ziehe mich leise zurück. Nach einer halben Stunde ruft er nach mir. Stolz präsentiert er mir sein »Werk« – ein Knopf auf einer Stricknadel. – Er ist wieder da.
    • Quelle: (Mathias Maurer Erziehungskunst Feb 2013)
  • Friedrich Schiller formulierte vollendet in seinen »Ästhetischen Briefen« den berühmten Satz: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«

Alles wie immer

Jeden Morgen dasselbe: Anna steht auf, zieht sich an, frühstückt und geht mit ihrer Mutter um 8 Uhr zum Kindergarten. Dort angekommen, sieht sie ihre Kindergärtnerin bei einer hauswirtschaftlichen Tätigkeit, verabschiedet ihre Mutter mit der immer gleichen Geste, hilft dann kurz beim Backen, Schnippeln, Sägen oder Putzen und taucht daraufhin in ein freies und von niemandem angeleitetes Spiel ein. Wenn die Kindergärtnerin ihren Arbeitsplatz aufräumt, merkt sie, dass bald alle aufräumen, und es geht im Tageslauf weiter mit Fingerspielen, Singspielen und einem gemeinsamen Frühstück. Anschließend geht es hinaus in den Garten, wo sich Anna wieder frei ihrem Spiel mit Sand und Erde hingibt. Wenn es wieder hineingeht, waschen sich alle die Hände und hören gespannt der gleichen Geschichte wie gestern zu.

Rhythmus gibt Sicherheit

Die Sicherheit, die hierbei entsteht, stellt sich erst durch die tägliche Wiederholung der immer ähnlichen Abläufe ein. Dabei ist es völlig irrelevant, ob Kindergarten im Haus oder im Garten beginnt, oder ob ein Kind nur am Vormittag oder ganztags den Kindergarten besucht. Entscheidend ist die tagtägliche Wiederholung und damit das unbewusste Wiedererkennen der zeitlichen Struktur des Tages. Die Kraft, die verbraucht würde, um sich auf immer neue, vielleicht sogar täglich wechselnde Attraktionen einzustellen, kann sich ganz dem unbewussten leiblichen Lernen zuwenden: spielen, balancieren, hinfallen, aufstehen, Löffel halten, klatschen und singen. So wird unter dem Schutz der Sicherheit gebenden Struktur des Tages implizit alles Notwendige gelernt – und zwar ohne Erklärungen.

Im Wiederkehrenden geborgen

Besonders gesund ist der Tag für die kleinen Kinder, wenn sich die Abwechslung zwischen Haus und Garten sowie zwischen Freispiel und Führung nicht bloß auf den Vormittag beschränkt. Wollen Eltern diesen kraftsparenden Rhythmus auch zu Hause weiterpflegen, empfiehlt es sich, am Nachmittag und am Wochenende Einkehr und Auskehr in einer gesunden Waage zu halten. Dabei sollte man darauf achten, dass die Nachmittage in ihrer zeitlichen Struktur immer ähnlich bleiben, um dem Kind Sicherheit zu vermitteln. Wenn es immer zuerst eine stille Stunde zum Ausruhen oder Schlafen gibt, dann ein kleines Essen, und es dann hinaus zum Spielen in die Natur geht, dann ist ein einfaches Grundgerüst gefunden, in dem die Kinder frei und zugleich in einer atmenden Struktur geborgen ihren Spielen nachgehen können.

Zu viel Form oder zu viel Freilassen?

Um im Kindergarten und zu Hause so gesund wie möglich zu erziehen, lohnt es sich, einmal selbstkritisch hinzuschauen, in welcher Weise zu viel Form und Führung und in welcher Weise zu viel Freilassen ein gesundes Atmen des Tages behindern. Wenn im Ganztagskindergarten alle Aktivitäten am Vormittag stattfinden und die Kinder wenig Zeit zum freien Spiel haben, dafür am Nachmittag aber gar nichts stattfindet, außer Warten auf Mama, muss an der einen oder anderen Stelle korrigiert werden. Oder wenn es zu Hause aus lauter Liebe zum freien Spiel zwischen Mittagessen und Abendbrot keine Einkehr durch ein gemeinsames Essen oder ein gemeinsames Spiel gibt, dann atmet der Nachmittag eben nicht, sondern fliegt auf und davon.

Atmende Pädagogik

Rudolf Steiner schreibt den Waldorfpädagogen Folgendes ins Stammbuch: »Unter all diesen Beziehungen, welche der Mensch zur Außenwelt hat, ist die allerwichtigste das Atmen.« Aber: »Das Kind kann noch nicht innerlich richtig atmen, und die Erziehung wird darin bestehen müssen, richtig atmen zu lehren.« Außerdem hänge die Verbindung von Geist und Seele des Menschen mit seinem Leib vom »richtigen« Atmen und vom Verhältnis zwischen Schlafen und Wachen ab. Für die Vorschulpädagogik bedeutet eine Rhythmisierung des Alltags, dass die Kinder regelmäßig zwischen dem freien Spiel und geführten Aktivitäten sowie zwischen Haus und Garten wechseln. Das Kind lernt dann das Atmen als Prozess – das »Prinzip Atmung« – äußerlich kennen und bildet an diesem Vorbild des atmenden Tages nachahmend seine Leiblichkeit heran. Die Nachahmung ist in den ersten Jahren so stark, dass die körperliche Bildung von dem abhängig ist, was in der Umgebung geschieht. Ein rhythmisch gestalteter Tag ohne Brüche im Zusammenhang mit rhythmischen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, rhythmischer Sprache und rhythmischem Gesang ist die beste Grundlage, um ein gesundes Herz-Kreislauf-System heranzubilden und um später in der Schule etwas wahrnehmen und sich konzentrieren zu können. Die in der Schule und auch im Leben benötigte Fähigkeit, aufzunehmen und wiederzugeben, anzuspannen und wieder loszulassen, auszukehren in Aktivität und wieder einzukehren in der Begriffsbildung, hängt stark von der Rhythmisierung des Alltags im Kleinkind- und Kindergartenalter ab. Hier wird die leibliche Grundlage für späteres seelisches Anspannen und Entspannen gelegt.

Chronobiologie und pädagogische Praxis

Für eine Rhythmisierung des Alltags bieten die Forschungsergebnisse der Chronobiologie wertvolle Erkenntnisse. Als erstes seien hier die 90-minütig wiederkehrenden Schlafneigungspunkte genannt. Alle 90 Minuten haben wir ein kleines Tief, bei dem die Bereitschaft einzuschlafen ein wenig erhöht ist. Dazwischen haben wir ebenfalls alle 90 Minuten einen Konzentrationshöhepunkt. Dieser 90-Minuten-Rhythmus ist tief im menschlichen Leben verankert.

Auch die Schlafforschung zeigt alle 90 Minuten Tiefschlaf und dazwischen alle 90 Minuten eine sogenannte R.E.M.-Phase (Rapid Eye Movement – schnelle Augenbewegungen) mit Bewegungen und Träumen. Jede Arbeitseinheit, jeder Vortrag und auch die lernintensiven Doppelstunden in der Schule nehmen unbewusst Rücksicht auf diesen 90-Minuten Rhythmus. Länger kann man sich ohne Pause nur schwer konzentrieren. Und hier wird es für den Kindergarten interessant: Wie lange dauern denn die einzelnen Phasen? Wie lang ist die geführte Phase vom Aufräumen über die Spiele und das Frühstück bis zum Anziehen? Wie lang darf das Freispiel dauern? Wie lang ist Mittagsruhe? Wie lang geht’s am Nachmittag noch einmal hinaus? Und ebenso zu Hause: Wird das freie Spiel im Garten oder »auf der Straße« rechtzeitig durch etwas anderes abgelöst? Wie lange zieht sich der Sonntagvormittag im heimischen Wohnzimmer denn hin? Berücksichtigt man solche Fragen, dann kann der vorher beschriebene Wechsel aus Freilassen und Führen in seiner zeitlichen Gestaltung noch genauer angeschaut werden.

Leistungshoch und Mittagstief

Alle Untersuchungen zeigen ein nächtliches Leistungstief gegen 2 Uhr, ein Mittagstief gegen 14 Uhr, ein erstes Leistungshoch gegen 10 Uhr und ein zweites gegen 17 Uhr. Auch wenn die Lebenserfahrung zeigt, dass Kleinkinder etwas früher dran sind und es sowohl ausgeprägte Frühaufsteher (»Lerchen«) als auch Spätaufsteher (»Eulen«) gibt, bleibt das vormittägliche Leistungshoch, das Mittagstief und das Hoch am Nachmittag immer vorhanden. Überfordern wir die Kinder also nicht mit irgendwelchen Aufgaben in der Zeit nach dem Mittagessen! Gönnen wir ihnen Ruhe! Die Lebenskraft wird an anderer Stelle gebraucht, nämlich im Verdauungstrakt. Und so wie wir uns als Erwachsene gegen 14 Uhr mächtig aufraffen müssen, wenn wir etwas Ordentliches zustande bringen wollen, so werden kleine Kinder bei mangelnder Ruhe oft fahrig, sprunghaft und sehr raumgreifend in ihren Spielen. Danach allerdings darf es dann ruhig kraftvoll dem zweiten Leistungshoch entgegengehen. Wenn man es als Erziehender in der Umgebung des Kindes schafft, am Nachmittag etwas vorzubereiten, das am nächsten Morgen gebraucht wird, dann ist sogar der Atembogen von einem Tag zum nächsten bewusst gepflegt. So kann aus dem Leben heraus ein Erinnern an Gestern und ein Gefühl für Vor- und Nachmittag erwachen, ohne dies explizit abzurufen.

Endogene und exogene Rhythmen

Es gibt zwei körperlich-funktionell (endogen) veranlagte Rhythmen, auf die wir als Erziehende achten sollten – den 90-Minuten-Rhythmus und die Leistungsbereitschaft über den gesamten Tag mit seinem Mittagstief. Diese beiden Rhythmen sind gegeben. Sie sind natürlich. Vor diesem Hintergrund dürfen sich dann die beiden von außen (exogenen) pädagogisch geführten Rhythmen einstellen – der Wechsel aus freiem Spiel und Form sowie der Wechsel von Drinnen und Draußen. Diese Rhythmen sind »kultürlich««, aber notwendig für das gesunde Werden des Kindes.

Übergänge

Beim Tagesrhythmus stellen im Kindergarten die Übergänge die problematischen Momente dar. Beispielhaft sei hier das Aufräumen genannt. Dies ist eine der größeren Herausforderungen für die Pädagogen. Hier wird der Übergang vom Freispiel zu einer geführten Phase des Tages eingeläutet. Gesund ist es, wenn der Übergang fließend vonstatten geht. Das heißt, wenn zuerst die Kindergärtnerin ihren Arbeitsplatz aufräumt, dann in der einen oder anderen Ecke mit Aufräumen beginnt und die Kinder sie dann nachahmen und mittun. Außerdem hilft bisweilen das immer gleiche Lied, um den Kindern ohne verstandesmäßigen Appell die Aufräumzeit zu signalisieren. Hierbei ist übrigens der Grat zwischen einer gesunden Ritualisierung der Aufräumzeit und einem plötzlichen Bruch im Tagesablauf durch das Signal »Aufräumzeit – es ist so weit!« sehr schmal. Man beobachte sich einmal dabei! Das gilt für den Kindergarten genauso wie für zu Hause!

Weitere »kritische« Übergänge sind der morgendliche Abschied von den Eltern, der Gang vom Frühstückstisch zur Garderobe, von draußen zurück ins Haus und in den Ganztagsgruppen ganz besonders der Übergang vom Mittagstisch übers Zähneputzen zur Ruhezeit sowie nach der Ruhe oder dem Schlaf zurück ins Spiel. Vorbild für gesunde Übergänge kann der eigene Atemrhythmus sein. Man beobachte einmal den Übergang vom Einatmen zum Ausatmen. Das ist etwas ganz anderes als ein Blasebalg. Nach dem Atemzug gibt es zunächst ein Schwächerwerden des Einatmens, dann einen kurzen Nullpunkt, dann ein langsames Anschwellen des Ausatmens und erst dann ein volles Ausatmen. Wer sich das zum inneren Bild nimmt, wird es schaffen, weniger Brüche im Ablauf und mehr fließende Übergänge zu schaffen. Dann geschieht alles in Wellen. Und was in Wellen geschieht, ist lebendig!

Quelle: Philipp Gelitz, Waldorferzieher Erziehungskunst frühe Kindheit Januar 2013